Moorhuhnjagd
Der Empire-Schreibtisch des Baron hat oben drei große Schubladen, drei kleinere rechts und ein Schrankfach mit Türe links mit zwei großen Fächern. Die unterste Schublade rechts ist die Visionsschublade, in der große und kleine Visionen aufbewahrt werden, die einen mehr, die anderen weniger lebendig. Die nicht mehr lebendigen Visionen werden monatlich entfernt, auf der Zanzenbergwiese eingegraben und in der Erde warm gehalten. Nicht lebendig ist nicht tot. Wer Visionen sucht, findet sie dort in etwa einem halben Meter Tiefe. Das ist nicht nur den DornbirnerInnen bekannt. Nicht selten sieht man den einen oder die andere Plotikeri mit einem Kinderspaten auf den Zanzenbergwiese eilen, um dort nach einer Vision zu graben.
Die Ordnung in der beschriebenen Schublade der Visionen wird von der kleinen Brillenschlange verwaltet. Sie trägt einen grünen Rock, ein hellblaues Blüschen mit zwei Büschen, Nylonstrümpfe mit Naht, dunkelviolette Stöckelschuhe und einen Rossschwanz mit gelber Haarspange. Ihre Brille ist schwarzweiß gesprenkelt. Ihren Hals schmückt eine Bernsteinkette mit kleinen Klunkerchen. An diesem Sonntag setzt sich der Baron an den Schreibtisch und zieht die Visionsschublade. Sogleich erscheint die kleine Brillenschlange, klappert erwartungsvoll, checkt den Wunsch des Barons und verschwindet blitzschnell wieder, um gleich darauf mit Mühe ein dickes Buch hervorzuschleppen. Der Baron greift sich den Ziegel, wirft der kleinen Brillenschlange eine Kusshand zu und schließt die Visionschublade des Empire Schreibtischs wieder. Das Buch gehörte zu den lebendigen Visionen, wie fast jedes Buch übrigens. Oben prangt ein roter Streifen mit weißer Schrift: „Deutsche Ausgabe“. Den Rand des Buchdeckels ziert eine alte farbige Weltkarte, einige Bezeichnungen lassen sich gerade noch entziffern wie links unten „Afrika“, oben rechts ist ein rotes Stiefelchen zu erkennen: „Italien“. Die meisten Wörter werden vom großen Buchtitel verdeckt und sind nur als Silben sichtbar. Unten steht verheißungsvoll klein schwarz auf dunkelrot: “Die Lebensliste für den Weltreisenden”. In der Mitte prangt als Kleinod ein kleiner historischer Globus aus Holz und rundherum ist in großen, hellblau gefüllten, romantischen Lettern zu lesen: “1000 Places You See Before You Die“. Der Baron hält kurz inne, schlägt dann aber das Buch fest entschlossen auf: „Schloss Kinnard Estate“. Er findet sich in einem schottischen Hochmoor im Schilf wieder: als Moorhuhn. Der Baron flattert auf. Schüsse.

